Der unbändigen Zähmung

Du bist mein Fels in der Brandung. Eine feste, unveränderliche Größe in dieser flüchtigen Welt. Ich habe keinen Einfluss auf dich. Du bestimmst den Rahmen und meine Grenzen. Ich lasse mich fallen. Wenn ich etwas mache, was dir nicht gefällt, bleibst du ruhig. Du ärgerst dich nicht, denn ich habe nicht die Macht, dich zu verärgern.

Manchmal stellst du nur eine knappe Frage, die mir zeigt, dass ich etwas falsch gemacht habe. Manchmal weist du mich leise zurecht oder sagst, was du von mir erwartest. Milde lächelnd, weil dir bewusst ist, dass du die Leine in der Hand hälst. Weil du weißt, dass ich mich von dir führen lasse, wenn du es wirklich willst. Es ist deine Entscheidung, ob du mich gewähren lässt. Das bekomme ich zu spüren. In diesen Momenten, in denen du meine Angst und meinen Schmerz willst. In denen ich dir ausgeliefert bin. Wenn er da ist. Der Drache. Vor ihm fürchte ich mich. Er lässt mich schwach und erschöpft zurück, aber dann kommst du wieder und hältst mich fest.

Es ist seltsam, wie bereitwillig ich dir folge. Dein Zauber lässt mich glauben, dass ich alles freiwillig gebe. In deinen Fesseln fühle ich mich frei. Denn du kennst die Knoten, die mich ausbrechen wollen lassen würden. Du bist sehr geschickt darin, mir das Gefühl zu geben, ich hätte eine Wahl. Das ist deine Kunst. Manches nehme ich wahr. Das ist aber vermutlich nur ein kleiner Teil. Natürlich spielst du mit meiner Angst und mit dem Wunsch, dir zu gefallen.

Wobei ich nicht begreife, warum ich Strafe fürchte. Du bestrafst mich ja nicht und du tust mir auch so weh. Weil du es willst. Weil du Spaß daran hast, mich zu quälen. Meine Angst und meinen Schmerz genießt. Doch du kannst sehr gut erklären. So, dass ich verstehe, was dir gefällt und was nicht. Ich möchte nicht, dass du mir etwas erklären musst.

Manchmal lässt du die Leine locker, dann laufe ich und vergesse kurz, dass ich gebunden bin. Ich kann sein, wie ich bin. Sagen, was mir in den Sinn kommt. Tun, was ich möchte. Aber es ist nur eine scheinbare Freiheit, denn du holst mich zurück auf den Boden, wenn dir danach ist. Ich gehorche. So selbstverständlich, dass es mich manchmal erschrickt, wenn ich es bemerke.

Am Anfang hast du mal gefragt, wie wichtig mir meine eigene Sexualität sei. Ich habe geantwortet, sie sei mir sehr wichtig. Bei dir stimmt das nicht so ganz. Dein Genuss ist mir viel wichtiger als meiner. Das verstehe ich noch nicht so ganz. Vielleicht reicht es aber auch einfach, das Gefühl zu genießen. Deinen Anblick, wenn du dir das nimmst, was du möchtest. Den Hunger in deinen Augen. Das Raubtier auf der Jagd.

Du bist die Konstante. Ich kann mich in deinen Fesseln winden, aber die Knoten bleiben fest. Wenn du etwas sagst, machst du es. Wenn du eine Entscheidung getroffen hast, steht sie fest. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, erklärst du es mir. Wenn du den Drachen frei lässt, leide ich. Doch du bleibst immer da und zeigst mir den Weg. Hältst meine Hand und führst mich durch die Dunkelheit. Durch die Abgründe in uns. Die bittersüßen Momente unserer Lust.

3 Gedanken zu “Der unbändigen Zähmung

  1. Tamara

    Da ich selber devot bin und mir eine 24/7-Beziehung wünsche, kann ich deine Gedanken komplett nachfühlen.
    Allerdings bin ich der Nachsicht, dass die Sub/Sklavin den Dom/Herrn dennoch beeinflusst:
    1. Jede Sub/Sklavin hat ihre Tabus, die der Dom/Herr unbedingt beachten sollte.
    2. Wenn die Sub/Sklavin etwas nicht will, wird sie zwar bestraft, bis sie es doch tut!

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    1. Hey Tamara,

      klar du hast schon recht. Allerdings halte ich Grenzen für prinzipiell verschiebbar und nicht jedes Tabu für absolut. Man sollte viel reden und ein guter Dom wird immer Wege finden zu reagieren, aber eben nie so, wie Sub es erwartet. 🙈

      Gibt da ja auch unendlich viele Konzepte. Wichtig ist doch nur, dass es beiden gut tut 😇

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  2. So viel Selbstaufgabe. Aber gleichzeitig so viel Selbstreflexion. Und Liebe für Deinen Partner, für seine verschiedenen Seiten. Für ich schwer nachzuvollziehen. Aber Du kannst es so gut und authentisch schildern, dass ich es irgendwie nachfühlen kann.

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